G2 #16
L U F T   I N   A L L E N   Z I M M E R N
Gregor Hildebrandt

Sonderausstellung
16. Oktober 2020 – 17. Januar 2021
Presse-Preview: Donnerstag, 15. Oktober 2020, 11 Uhr
Ausstellungseröffnung: Donnerstag, 15. Oktober 2020, 15–20 Uhr
G2 Kunsthalle, Dittrichring 13, 04109 Leipzig

 

 

Die G2 Kunsthalle präsentiert die erste Einzelausstellung von Gregor Hildebrandt in Leipzig. Seit zwei Jahrzehnten verarbeitet der Künstler analoge Tonträger wie Musikkassetten oder Schallplatten in seinen Collagen, Skulpturen, Malereien und Installationen. Aus der Verbindung von bildender Kunst und Musik ist ein komplexer, gattungsübergreifender Gesamtentwurf mit einer spezifischen Bildsprache entstanden, die er konsequent weiterentwickelt. Die Ausstellung in der G2 Kunsthalle Leipzig zeigt neue Werkgruppen und Rauminstallationen ergänzt um Einzelarbeiten aus den letzten zehn Jahren. Gregor Hildebrandt (*1974 in Bad Homburg) lebt und arbeitet in Berlin.

Die Kassettentonbandcollage ist das prägende Leitelement in Hildebrandts künstlerischer Praxis. Ausgehend von der Idee, ein Hörstück auf Leinwand zu bannen und auf diese Weise einen neuen Resonanzkörper in Form von Bildern zu schaffen, ist ein vielschichtiges System an visuellen Ausdrucksformen entstanden. Hildebrandt schöpft dabei aus seinem persönlichen Repertoire an Bands, Musikerinnen und Musikern, die ihn seit seiner Jugend begleiten: The Cure, Björk, Einstürzende Neubauten, Tocotronic, Jacques Brel oder Christoph Willibald Gluck – ihren Werken gemeinsam ist die romantische Erzählung von Einsamkeit und eine melancholische Grundstimmung, ein Lebensgefühl, das sich auch in den Arbeiten des Künstlers widerspiegelt.

Hildebrandts Bild- und Ausstellungstitel entstehen im Zusammenhang mit Songtexten oder Gedichten. Die Werkbezeichnungen der Kassettentonbandcollagen bestehen aus einer Textzeile oder Wortgruppe und verweisen konkret auf den Inhalt der verwendeten Bänder. Der Titel der Ausstellung in der G2 Kunsthalle Luft in allen Zimmern bezieht sich auf eine Passage aus dem Lied Kein Regen mehr des Münchner Musikprojekts Anne um den Sänger, Maler und Gitarristen Johannes Lotz. Das Debütalbum Flamingo ist geprägt von ungewöhnlichen Sounds in Kombination mit sanft düsteren Texten und ist 2019 in einer Auflage von 300 Vinyl-Platten bei Hildebrandts Musiklabel Grzegorzki Records erschienen.

Der Künstler bedient sich für seine raumgreifenden Installationen und umfangreichen Werkgruppen aus einem schier unerschöpflichen, eigenen Fundus an Tonträgermaterial. Er erwirbt gebrauchte VHS-Kassetten aus Videotheken, Privatsammlungen oder Haushaltsauflösungen. Leerkassetten fanden sich in den frühen 2000er Jahren noch im Handel. Heute bezieht Hildebrandt die rar gewordenen Musikkassetten über Ebay. Neben mit Musik bespielten Audiotapes verarbeitet er auch die Kassettenhüllen zu monumentalen Bildwerken. Schallplatten kauft er auf Flohmärkten, wo er sie erstmals 2004 zu Chips-Schalen verformt entdeckte. Er sah darin »Klangschalen«, eignete sich das Prinzip in der Folge für seinen Kontext an und begann die unbrauchbar gemachten Schallplatten zu Säulen aufzustapeln. Farbiges Vinyl lässt der Künstler selbst pressen. Zerschnitten und zerstückelt setzt er die Schallplattenfragmente zu beeindruckenden Tableaus zusammen, die an Wandmosaike, Intarsienarbeiten oder Buntglasfenster erinnern.

Der Aufwand an Zeit und Material, den Hildebrandt betreibt, lässt sich an seiner großformatigen Bodeninstallation Hirnholzparkett aus dem Jahr 2015 ablesen. Hierfür wurden 35.000 Kassettentonbänder bis zur Größe von Schallplatten aufgewickelt. In Epoxidharz gegossen und zerschnitten lassen sich die verschiedenen Grundformen zu einem Bodenmuster variabler Größe auslegen. Die transparenten und farbigen Anfangs- und Endstücke der verwendeten Tonbänder hat er, sortiert nach Farben, in mehreren Kisten gesammelt und setzt sie bis heute für neue Werke ein.

»Im Blick zurück entstehen die Dinge« heißt es in einem Songtext von Tocotronic. Ganz in diesem Sinne verkörpern Hildebrandts Kompositionen den nostalgischen Wunsch nach Bewahren. Stücke leben fort, indem sie mithilfe eines künstlerischen Transformations- und Aufnahmeprozesses konserviert werden. Die Magnetbänder selbst sind nicht mehr lesbar, die Musik ist weder hör- noch abspielbar. Und dennoch wird durch die künstlerische Verdinglichung unsichtbar Verborgenes wachgerufen und vergegenwärtigt. Die Konzentration auf analoge Tonträger wie Vinyl, Audiotapes und VHS-Kassetten resultiert zum einen aus dem individuellen Referenzrahmen des Künstlers. Zum anderen materialisiert sich, im Gegensatz zu digitalen Speichermedien, der eingeschriebene Inhalt auf der Oberfläche des Trägermediums.

Hildebrandts Bilder sind mit Musik aufgeladen, fungieren jedoch in erster Linie als visuelle Objekte. Er selbst benennt die Malerei als Grundlage seines künstlerischen Ansatzes, wenn er im Rückblick seine Motivation wie folgt beschreibt: »Ich wollte Bilder malen, die wie Musikstücke sind«. In seinen Rip-Off-Kompositionen gelingt ihm die Verschränkung von malerischer Geste mit Tonträgermaterial auf besonders eindringliche Art und Weise. Ausgangspunkt sind stets zwei gleichgroße, weißgrundierte Leinwände. Eine der beiden wird mit Filmoplast beklebt, wobei die klebende Seite nach außen zeigt. Auf diese Klebeschicht malt der Künstler mit Fixativ. Die Strichführung ist demzufolge transparent und bleibt zunächst unsichtbar. Anschließend werden Audio- oder Videotapes in Streifen nebeneinander auf die Oberfläche aufgebracht. Die beschichtete, magnetische Seite, welche die Musik- oder Filminformation in sich trägt, zeigt dabei nach innen. Anschließend wird die Kunststofffolie des Bandes abgenommen. Die magnetische Beschichtung haftet nur an jenen Partien, die zuvor nicht mit Fixativ bedeckt wurden und somit klebend geblieben sind. Die abgenommenen Magnetbänder mit den übrigen Beschichtungsresten werden auf die zweite Leinwand übertragen. Auf diese Weise entsteht immer ein Positiv- und ein Negativbild ein und desselben Motivs, wobei allein die Magnetbeschichtung der Tonbänder die ausgeführte, malerische Geste sichtbar werden lässt.

Die großformatige und aus mehreren Einzelteilen bestehende Wandinstallation Die Hoffnung der Notwendigkeit versteht sich als Hommage und Remake einer Live-Performance des französischen Künstlers Georges Mathieu (1921–2012) aus dem Jahr 1971. Von Frédéric Rossif gefilmt, dokumentieren die damals entstandenen Aufnahmen Mathieus künstlerisches Verfahren, Malerei, Musik und Tanz untrennbar miteinander zu verbinden. Körperbewegungen und Musiktempi bestimmen den Malvorgang in Form dynamischer Gesten. 2018 reinszenierte Hildebrandt das Ereignis in seinem Atelier, übersetzte die Aktion in seine eigene Bildsprache und integrierte dabei das VHS-Material der Videodokumentation in Rip-Off-Tableaus. Malspur und Tonspur ergänzen sich zu einer rhythmischen Komposition im Geiste des Tachismus.

Im gleichen Jahr beginnt Hildebrandt mit der Arbeit an einer Serie minimalistisch geometrischer Streifenbilder, die Gemälde von Piet Mondrian (1872–1944) zitieren. Der niederländische Künstler hatte seinen Stil in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen unter dem Einfluss der Avantgarde-Musik entwickelt. Die musikalische Rhythmisierung seiner Bildmotive findet im Spätwerk Mondrians seinen höchsten Ausdruck. Hildebrandt passt das Format der Originalvorlage maßstabsgerecht seinem Material an, sodass sich die gemalten Streifen und Farbfelder der Ursprungskomposition mit dunklen und farbigen Audiotapes ersetzen lassen. War bis vor wenigen Jahren Hildebrandts Werk noch vor allem vom Schwarz-Weiß-Kontrast geprägt, gewinnen in jüngster Zeit farbintensive Kompositionen verstärkt an Bedeutung in seinem künstlerischen Schaffen. Auf flimmernden Tonbandgeweben und facettenreich schimmernden Vinyloberflächen spielt sich nun auch ein Tanz der Farben ab, der neue Klangräume eröffnet.

Text: Anka Ziefer

Download Raumplan und Werkliste

Gregor Hildebrandt (*1974 in Bad Homburg) hat von 1995 bis 1999 an der Kunsthochschule Mainz (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) und von 1999 bis 2002 an der Hochschule der Künste Berlin studiert. 2003 war er Stipendiat am Deutschen Studienzentrum Venedig und erhielt 2016 den Falkenrot Preis. Hildebrandt lebt und arbeitet in Berlin und ist seit 2015 Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit 2017 betreibt er den Ausstellungsraum Grzegorzki Shows in Berlin Wedding und gründete 2018 sein eigenes Musiklabel Grzegorzki Records.

Einzelausstellungen (Auswahl): 2020 Wentrup, Berlin; 2019 Almine Rech Gallery, Brüssel; 2019 Gallery Avlskarl, Kopenhagen; 2018 Kunsthalle Recklinghausen; 2018 Galerie Perrotin, New York; 2017 Sommer Contemporary Art, Tel Aviv; 2016 Künstlerhaus Bethanien, Berlin; 2016 Kunstverein Heppenheim; 2015 Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken; 2012 Museum Van Bommel van Dam, Venlo (NL); 2011 Grimm Gallery, Amsterdam; 2010 Van Horn, Düsseldorf; 2009 Berlinische Galerie, Berlin; 2008 Contemporary Art Museum S. Louis (USA); 2008 Kunstverein Schwerte; 2008 Haus am Waldsee, Berlin; 2007 Kunstverein Ludwigshafen.

Gruppenausstellungen (Auswahl): 2018 RuhrKunstMuseen, Oberhausen; 2017 Museum Frieder Burda, Baden Baden; 2017 Salzburger Kunstverein; 2016 21er Haus, Wien; 2016 Haus der Kunst, München; 2015 Kunstmuseum Wolfsburg; 2014 MARTa Herford; 2014 Centre Pompidou, Paris; 2014 Bass Museum of Art, Miami; 2013 Museum der bildenden Künste Leipzig; 2013 Kunsthaus Nürnberg; 2013 Gagosian Gallery, London; 2012 Sammlung Philara, Düsseldorf; 2012 Kunsthalle Kiel; 2012 Miami Art Museum; 2011 Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr.

Link zum Pressematerial

 

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Besuch
Mi 15–20 Uhr, Sa 12–17 Uhr, Öffentliche geführte Rundgänge Do, Fr & So 15 Uhr & Mo 11 Uhr. Die Anmeldung zu den Rundgängen erfolgt online über das Buchungsportal der G2 Kunsthalle:

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